Zum Seitenanfang

Open Commons Kongress 2019 – Resumee

Beitragskategorie: Was tun? Arbeit und Gesundheit in der digitalen Welt 2019
Beitragstitel: Open Commons Kongress 2019 – Resumee

Am 14. Juni veranstalteten die Stadt Linz und die OÖ Gebietskrankenkasse den „Open Commons Kongress“ zum Thema Arbeit im digitalen Zeitalter. Unter dem Titel „Was tun? Arbeit und Gesundheit in der digitalen Welt“ versammelte der Kongress ExpertInnen unterschiedlicher Fachgebiete, die eine Vielzahl an Aspekten zum Thema beleuchteten und zur Diskussion stellten.

Weil immer mehr Berufe automatisierbar werden, wächst die Angst vor Jobverlust und einem Auseinanderklaffen der Hoch- und Niedriglohnsektoren. Während Beschäftigungsverhältnisse zusehends flexibler und bedarfsorientierter werden, droht der Verlust von hart erkämpften Arbeitsrechten und ein neues Prekariat der „working poor“. Doch was tun, wenn selbst qualifizierte Tätigkeiten wie Steuerberater/in oder Arzt/Ärztin in absehbarer Zeit durch Software und Hardware ersetzt werden können?

Kaum ein Thema wird momentan so kontrovers diskutiert wie dieses, berührt es doch zentrale Lebensbereiche eines jeden Einzelnen. Arbeit strukturiert unseren Tag, unser Leben und Denken in einem 8-Stunden Raster, unser Beruf bestimmt zu einem Gutteil unseren sozialen Status und beeinflusst unsere körperliche und psychische Gesundheit. Doch wieviel Alarmismus ist angebracht? Lassen sich den lauernden Dystopien vom „überflüssigen Menschen“, vom „Handlanger der Maschine“ oder von der total überwachten Ausbeutung positive Zukunftsentwürfe entgegensetzen?

Während die öffentliche Debatte über die Zukunft der Arbeit vorwiegend aus einer technischen Perspektive geführt und auf unternehmerische Überlegungen unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ verengt wird, rückte der Open Commons Kongress die menschlichen Bedürfnisse sowie die Möglichkeiten der Mitgestaltung ins Zentrum.

Arbeit neu denken heißt Gesellschaft neu denken

Andrea Wesenauer, Direktorin der OÖGKK (Foto: Petra Moser CC BY 4.0)

Manche bezeichnen die bevorstehenden Veränderungen in der Arbeitswelt gar als letzte Möglichkeit der Verwirklichung einer Utopie. Denn die zunehmende Automatisierung berührt nicht nur einzelne Arbeitsplätze, Tätigkeiten und die Qualifikationen individueller Personen, sondern hat Konsequenzen für das gesamte Gefüge unseres Arbeitssystems und die Organisation unseres Zusammenlebens in der Gesellschaft, inbesondere für die Organisation der sozialen Sicherungssysteme: „Das gesamte Gesundheitswesen ist vom digitalen Wandel betroffen. Er hält Einzug in die medizinische Behandlung, erlaubt bessere Steuerung der Versorgung, wirft aber wie jeder technologische Fortschritt auch Fragen und Risken auf. Das gilt auch für die Grundlagen der Sozialversicherung: Serverfarmen und Roboter zahlen keine Beiträge in eine Krankenkasse ein. Dennoch muss ein fairer Zugang zur Gesundheitsversorgung und zu sozialer Absicherung für alle Menschen gewährleistet bleiben!“, meint Andrea Wesenauer, Direktorin der OÖGKK.

Warum überhaupt Rationalisierung?

Manfred Füllsack (Foto: Petra Moser CC BY 4.0)

Um sich dem vielseitigen Thema anzunähern, zeichnen Manfred Füllsack, Systemwissenschafter an der Universität Graz, und der Kulturtheoretiker Michael Hirsch die Geschichte der Arbeit nach. „Der Grund für Arbeit ist die Beseitigung von Knappheit. Immer wenn wo ein Mangel herrscht, beginnen wir zu arbeiten, um den Mangel auszugleichen. Aber auch die Zeit für die Arbeit kann knapp sein, dann arbeiten wir an der Beseitigung dieser Knappheit. Diese Form der Arbeit nennt sich Rationalisierung“ und diese beginne bereits beim Einsatz von Werkzeugen oder bei der Arbeitsteilung, so Füllsack. Solange die Arbeit dazu dient, den persönlichen Bedarf zu decken und nicht Teil eines Handels ist, mache Rationalisierung wenig Sinn. Entsteht aber nur eine geringe Nachfrage, beginne sich die Rationalisierung zu rentieren: „Das Fatale an dieser Logik ist, und das ist das Um und Auf für die Digitalisierung, dass sich diese Werkzeuge umso mehr rentieren, je mehr sie eingesetzt werden“. Was im Prinzip für alle Werkzeuge gilt, erhalte aber eine besondere Dynamik, wenn sie dazu verwendet werden, um andere Werkzeuge herzustellen. Dann werde Rationalisierung zu einem selbstreferentiellen Vorgang, der sich durch Rückkoppelungen exponentiell beschleunigt.

Dasselbe gelte für die Arbeitsteilung: „Je mehr wir Arbeit teilen, desto mehr rentiert sie sich, was auch überhaupt erst der Anreiz dafür ist“, so Füllsack weiter. Während in der Hofgemeinschaft noch ganzheitlich für den eigenen Bedarf produziert wurde, seien mit der zunehmenden Herstellungskomplexität der Güter differenzierte Tätigkeiten – Spezialisierungen – entstanden, die wiederum Abhängigkeiten zwischen den Menschen schufen. Diese Abhängigkeiten würden überhaupt erst eine Definition von Arbeitszeit erzeugen, die früher in die sonstigen Tätigkeiten des Tages fließend übergegangen sei. Hinzu kommt, dass Arbeitsteilung organisiert werden muss, je komplexer sie wird. Ab diesem Zeitpunkt gehe durch die Entfremdung zum Gesamtprodukt die intrinsische Motivation verloren und es bedürfe einer extrinsischen: Geld.

Aufstieg der Lohnarbeitsgesellschaft

Dies bilde auch heute die Grundlage für unsere Lohnarbeitsgesellschaft, die sich in Europa ab dem späten 16. Jahrhundert zu entwickeln beginnt. Begleitet durch massive Enteignungsprozesse verlieren immer mehr Menschen den Zugang zu ihren Produktionsmitteln und den Möglichkeiten zur Selbstversorgung, zu Ländereien und zu Gemeingütern. Gemeinsam bewirtschafteter Boden, gemeinsam benutzte Werkzeuge und Wissen werden sukzessive individualisiert, was zu einer Vertreibung der Menschen aus ihrer Heimat führt und sie in die Wanderarbeit zwingt. Im Zuge der industriellen Revolution wird die Verberuflichung der Gesamtgesellschaft vom 18. bis ins 20. Jahrhundert schließlich zur Gänze realisiert. Als Reaktion auf die sozialen Verwerfungen und menschlichen Ausbeutungen durch die Industrie bildet sich die Arbeiterbewegung, die die Arbeits- und Streikrechte durchsetzt.

Jeder an seinem Platz: Vollzeitideal um jeden Preis?

Michael Hirsch (Foto: Petra Moser CC BY 4.0)

Für den Kulturtheoretiker Michael Hirsch ist die Diskussion über die Zukunft der Arbeit keineswegs neu und er sieht sie seit 50 Jahren stagnieren: „Wir haben eine Blockierung auf der Ebene unserer symbolischen Ordnung. Wir leben in einem Lebensentwurf und -raster, in dem wir so verhaftet sind, dass wir nicht an die neuen Ideen, wie wir leben wollten und könnten, rankommen. Wir brauchen ein anderes Gesellschaftsmodell, eine andere Lebensweise – ein neues Konzept, wie wir unser Zusammenleben organisieren wollen.“ Er verweist in diesem Zusammenhang auf Adorno, der bereits in den 1960er Jahren konstatierte: „Vollbeschäftigung wird zum Ideal, wo Arbeit nicht länger das Maß aller Dinge sein müsste“.

Über die Gesellschaft würden wir immer noch so denken wie einst Plato mit seiner Aussage „Jedem das Seinige“: „Jeder ist identifiziert und erhält seinen Platz in der Gesellschaft durch seinen Beruf. Man wird festgenagelt auf seine soziale, berufliche, statusmäßige Identität, die man durchhalten muss. Bei dieser Gesellschaftslehre geht es nicht um das Glück des Einzelnen, sondern um die Stabilisierung der symbolischen Ordnung: ‚Jeder an seinen Platz!‘“, so Hirsch. So sei der Platz in der Gesellschaft gefährlich einseitig auf bestimmte Fähigkeiten und Tätigkeiten eingeschränkt: „Alle die, denen das nicht gelingt, haben ein riesiges Problem in der Gesellschaft, werden latent unsichtbar, verkannt und genießen keine volle soziale Anerkennung.“ Besonders deutlich werde das an der unterschiedlichen Bewertung von sg. „Arbeit I“ (gewerbsmäßige Lohnarbeit) und „Arbeit II“ (intrinsisch motivierte Tätigkeiten wie etwa politisches, soziales oder kulturelles Engagement oder wie bspw. Pflege oder soziale Reproduktion). Während Erstere allgemein anerkannt sei, werde Letztere geringgeschätzt und marginalisiert.

Die herrschende Krisenstrategie des Neoliberalismus, um das Ideal der Vollzeitbeschäftigung aufrechtzuerhalten, sei die Überführung der Arbeit II in Arbeit I, also alle Tätigkeiten zu bezahlten Dienstleistungen zu machen. „Das ist im Sinne einer gesellschaftlichen Vollkostenrechnung totaler Irrsinn, weil sie keine Werte schafft, sondern lediglich Kostenfaktoren“, warnt Hirsch. Das Ideal der Beschäftigung um jeden Preis könne das Problem der Angst aller um den Verlust ihrer Daseinsberechtigung (nach Bourdieu der „soziale Tod“) nicht lösen, weil es mit dieser Strategie zu einer Explosion sozialer Ungleichheit komme. Um zu einem neuen Gesellschafts- und Arbeitsmodell zu gelangen, schlägt Hirsch stattdessen das Gegenteil vor. Es brauche eine radikale Arbeitszeitverkürzung auf bspw. 20 Stunden sowie eine symbolische Revolution in Form der Aufwertung und Priorisierung von Arbeit II, eine Förderung von intrinsisch motivierter Arbeit als die „eigentliche“ Arbeit. Menschen sollten sich in erster Linie engagieren: in Familien, in sozialen Netzwerken, im politischen Gemeinwesen, in der Bildungsarbeit und in der kulturellen Arbeit. Darüber hinaus sei die Zurückeroberung der Commons, der Gemeingüter, notwendig: die gemeinsame Benützung öffentlicher (Wissens)Infrastrukturen, das freiwillige Teilen von Wissen und damit eine Entspezialisierung und Entberuflichung der menschlichen Existenz. Kollektivvertraglich erfordere das Bedingungen zur uneingeschränkten Vereinbarkeit dieser Tätigkeiten mit jenen der Erwerbsarbeit.

Ohne den Staat als eine Agentur, die die soziale Disziplinierung über das Schulsystem, über das Bildungssystem – also die kulturelle Normierung des Menschen – überantwortet, sei es jedoch letztlich nicht möglich ein neues Gesellschaftsmodell durchzusetzen, so Michael Hirsch.

Reality Check: Welche Berufsfelder sind betroffen?

Udo Feyerl (Foto: Petra Moser CC BY 4.0)

Doch was kommt nun wirklich auf uns zu? Wie hoch ist der Automatisierungsdruck in einzelnen Berufsfeldern wirklich? Udo Feyerl, Wirtschaftsinformatiker und Digitalisierungskoordinator bei der OÖGKK lieferte dazu einen Querschnitt über den technischen Stand der Dinge sowie über die Veränderungen der näheren Zukunft. Sicher ist, dass die Umwälzungen eine Vielzahl von Berufen betreffen werden. In nächster Zeit sieht er vor allem den Dienstleistungssektor stark unter Druck.

Obwohl es zu einer weiteren Automatisierung in der Massenproduktion kommen werde, glaubt er nicht, dass im großindustriellen Bereich tatsächlich so viele Arbeitsplätze verloren gehen wie befürchtet, weil dort ohnehin bereits sehr viel automatisiert sei.

Dem verbreiteten Glauben, von der Digitalisierung seien vor allem niedrig qualifizierte Berufe betroffen, hält Feyerl entgegen, dass auch Führungskräfte stark unter Druck geraten würden, sobald bestimmte Entscheidungen von Algorithmen getroffen werden können. Ein aktuelles Beispiel zeigt, dass das bereits Realität ist: So geriet Amazon kürzlich in die Schlagzeilen, weil der Konzern nunmehr einen Algorithmus über Entlassungen seiner Mitarbeiter entscheiden lässt.

Den größten negativen Effekt erwartet er auf längere Sicht von der Digitalisierung sämtlicher Prozesse, die heute noch mit Papier funktionieren: „Sobald diese Hürde fällt, ist der nächste Schritt nur mehr die Automatisierung mit Hilfe intelligenter oder selbstlernender Expertensysteme.“ Die Bankenwelt, das Versicherungswesen, die Juristerei und viele weitere Dienstleistungsbranchen sind daher aus Feyerls Sicht schon jetzt mehr als gefährdet. Aber auch Servicedienstleistungen, die von Chatbots ausgeführt werden können, wie z.B. Auskünfte aller Art, RezeptionistInnen und viele mehr seien massiv betroffen. So werde man in Zukunft bei einem Telefonat das Computer-Gegenüber nicht mehr von einem Menschen unterscheiden können, wodurch er obsolet werde.

Laut einer IHS-Statistik über die Wahrscheinlichkeiten für die Automatisierbarkeit von Berufen sind zwei Bereiche mit 95% ziemlich sicher dem Untergang geweiht, nämlich das Baugewerbe und der Groß- und Einzelhandel. Alleine das Wegfallen der Arbeitsplätze dieser beiden Sparten würde ein Loch von zwei Milliarden Euro an jährlichen Beitragszahlungen in die Krankenkasse bedeuten. Dass diese Leute einfach so auf andere Bereiche umsatteln könnten glaubt Feyerl nicht: „Ein Nullsummenspiel wird das nicht. Jemand der vorher am Bau war wird nur sehr unwahrscheinlich einfach in den Pflege- oder Wissensbereich wechseln können oder wollen“.

Was wird eigentlich aus den Fahrern?

Besonders stark betroffen seien ebenfalls die Transport- und Mobilitätsbranchen. Anhand der App „Uberized“ – eine Anwendung, die der Taxibranche schon jetzt arg zusetzt – macht Feyerl deutlich, welchem Muster Rationalisierungsprozesse durch Digitalisierung und Automatisierung üblicherweise folgen: es beginne mit dem Versuch, Prozesse für den Kunden zu vereinfachen. „Überall dort, wo die Kunden das Gefühl haben, da funktioniert etwas nicht oder etwas ist mühsam – diese Branchen liefern die Angriffspunkte für die neuen ‚Disruptoren‘ wie etwa Uber. Die alten Unternehmensstrukturen und Arbeitsbedingungen verschwinden dann“.

Die Entwicklung höre aber nicht bei den Fahrern auf, sondern gehe beim schon bald zu erwartenden Einsatz autonomer Fahrzeuge bis zur Frage, ob das heutige Konzept von Individualverkehr nicht ohnehin schon zum Scheitern verurteilt sei: „Wenn ich die garantierte Mobilität habe, dass ich von A nach B komme, nämlich just in time – ich gebe was in eine App ein und schon kann ich einsteigen, ohne dass ich dafür ein Auto besitzen muss -, dann wird das den Individualverkehr obsolet machen. Ich befürchte, dass das noch nicht zu allen Autoherstellern durchgedrungen ist“.

Vorteile

Es gebe allerdings auch viele Vorteile. Die Unterstützung durch Roboter bei motorischer Arbeit, z.B. Heberoboterhilfen, würden wesentliche gesundheitliche Vorteile bringen. Ebenso erfreulich sei die technische Entwicklung in der Medizin, wo bereits heute schon Fern-Operationen möglich und üblich seien. So könne etwa ein Chirurg in Australien über einen Terminal jemanden physisch in Linz operieren bis hin zu vollautomatisierten Operationen, bei denen überhaupt kein Mensch mehr eingreifen müsse. In Linz würden Gehirnoperationen bereits weitgehend auf diese Weise durchgeführt.

Aber auch in der Diagnostik, z.B. bei der Analyse und Interpretation von Röntgenbildern, sind Algorithmen bereits im Pilotversuch im Einsatz. Sogar den 3D-Druck von Organen hält Feyerl auf absehbare Zeit für realisierbar, wodurch sich allerdings die problematische Frage ergebe, wer sich dann überhaupt leisten könne, ein Herz zu drucken. Preisgestaltungen müssten deshalb staatlich reguliert werden, sodass auch kostenintensive Leistungen für alle weiterhin zugänglich sind.

Die Düsternis verhindern

Zusammenfassend zeichnet Feyerl aber ein eher düsteres Bild der künftigen Entwicklung: „Letztlich werden die paar Großen alles monopolisieren, wir werden völlig von ihnen abhängig sein“. Umso wichtiger sei es, dass jetzt an den politischen Weichenstellungen für die Zukunft gearbeitet werde.

Auf lange Sicht sieht er auch die Kreativbranche in Gefahr, der eigentlich gute Chancen zugeschrieben werden: „Wer glaubt, dass künstliche Intelligenz vor Empathie und Kreativität halt macht, den muss ich leider eines Besseren belehren. Das ist leider nicht unsere letzte Bastion, sofern es überhaupt eine geben wird“.

Zur Beruhigung schränkt er abschließend ein, dass vieles noch für längere Zeit auf spezialisierte Anwendungen beschränkt sein werde: „Ein Bonobo kann 500 Begriffe erkennen und kontextualisieren. Er kann alles mögliche tun und ist nicht trainiert auf einen Bereich, wie es jetzige KIs sind. Manche Algorithmen können einzelne Befunde lesen, andere können autofahren, aber man kann dem autofahrenden Algorithmus nicht sagen: ‚So und jetzt tust Befunde lesen!‘“. Diese Art von „Super-KI“ werde es laut einer Umfrage unter ExpertInnen nicht vor 2050 geben.

Wie wollen wir mit Maschinen zusammenarbeiten?

Dass wir immer öfter mit Maschinen und Algorithmen zusammenarbeiten werden ist also sicher. Daher ist die Frage, wie wir uns diese Zusammenarbeit vorstellen, in Zukunft von zentraler Bedeutung für die Zufriedenheit und Gesundheit der Menschen. In welche Richtung sich die Entwicklung orientiert sollte also primär von den menschlichen Bedürfnissen abhängig gemacht werden.

Silvia Feuchtl (Foto: Petra Moser CC BY 4.0)

Silvia Feuchtl, Arbeits- und Organisationspsychologin bei der Arbeiterkammer Niederösterreich erforscht die Rolle der psychologischen Bedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz(erleben) und sozialen Beziehungen in Bezug auf Arbeit. Technologien und teilautomatisierte Prozesse sollten vor allem entlang dieser drei Parameter gestaltet werden, wenn sie für den Menschen verträglich sein sollen, rät Feuchtl.
Ein Negativbeispiel liefert abermals Amazon: Lagerarbeiter bekommen hier von einem mobilen Gerät die Wege, die sie zurücklegen und die Handgriffe, die sie auszuführen haben, diktiert und werden dabei lückenlos überwacht und in Wettbewerb mit anderen Mitarbeitern gesetzt, was auf die Gesundheit fatale Auswirkungen habe.

Oft würde der Einsatz digitaler Tools die Arbeit sogar erschweren statt erleichtern: „MitarbeiterInnen müssen verstärkt in Digitalisierungsprozesse eingebunden werden“, fordert Feuchtl. Bestimmte Veränderungen seien zudem seit vielen Jahren schon zu spüren, die vor allem zwei verbreitete Widersprüche zwischen ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen betreffen: In Bezug auf das Bedürfnis nach Autonomie mache es einen maßgeblichen Unterschied, ob die Bereitschaft zur Flexibilität vom Arbeitnehmer/der Arbeitnehmerin ausgehe oder nicht, was meist nicht der Fall sei. Ein weiterer Widerspruch sei, dass die Arbeit immer mehr und das Personal immer weniger werde. ArbeitgeberInnen würden zusehends nach Quantität verlangen, obwohl ArbeitnehmerInnen lieber Qualität liefern würden. Die Zufriedenheit steige auch hier nur, wenn man das Gefühl habe, seine Kompetenzen entsprechend einbringen zu können. Auch ständige Erreichbarkeit führe zu Stress und Schlafstörungen.

Wie organisieren wir unser Gesundheits- und Sozialsystem?

Ingrid Mairhuber (Foto: Petra Moser CC BY 4.0)

Ingrid Mairhuber, Politikwissenschafterin und Historikerin bei FORBA – Forschungs- & Beratungsstelle Arbeitswelt, macht sich indes Gedanken über die Zukunft unseres Sozial- und Gesundheitssystems. Zur Umgestaltung der Pensions-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, der Langzeitpflege und zur Herstellung von Verteilungsgerechtigkeit zwischen Männern und Frauen schlägt sie ein Bündel an Maßnahmen vor, die sich stärker an den Arbeits- und Lebensbedingungen der Gegenwart und Zukunft orientieren und generell zu mehr Sicherheit und Gerechtigkeit führen sollen.

„Ja, es wurde viel flexibilisiert – Stichwort „Flexicurity“ der 90er Jahre. Das österreichische Pensionsversicherungssystem wurde allerdings so umgebaut, als würden wir alle mit 20 zu arbeiten beginnen, dann Vollzeit bis 65 durcharbeiten und anschließend in Pension gehen. Das ist vollkommen unflexibel und absurd“, ärgert sich Mairhuber. Die Arbeitslosenversicherung solle daher in eine Beschäftigungssicherung umgewandelt werden und dadurch auch Auszeiten ermöglichen. Auch neue Qualifizierungserfordernisse, die sich durch die Digitalisierung ergeben, benötigten diese Zeit, wofür ein „Qualifizierungsgeld“ gewidmet werden solle.

Darüber hinaus fordert sie eine stärkere Anerkennung der unbezahlten Care-Arbeit: Elternteilzeiten, Kindererziehungs- und Pflegezeiten sollten zumindest für einige Jahre für die Pensionsversicherung anrechenbar sein. Menschen mit Betreuungspflichten sollten als Norm gelten, nicht als schützenswerter „Sonderfall“: „Jeder hat in Wirklichkeit irgendwann Betreuungspflichten. Kein Mensch kann ausschließlich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen“.

Finanzierung der Sozialen Sicherheit

Das Grundmuster der Finanzierung der Pensionsversicherung basiere noch auf dem Wirtschaftssystem der 1950er Jahre. Generell solle nicht nur die Lohnsumme als Finanzierungsbasis herangezogen werden. Mairhuber: „Eine Alterssicherung nur aus Teilen der Lohnsumme zu bezahlen und dann zu sagen, die Leute müssen länger arbeiten oder kriegen weniger Pension, das halte ich für sehr fantasielos.“

Nachdem heute 75% der Frauen mit Kind in Teilzeit arbeiten würden, müsse eine bessere Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt und eine bessere Umverteilung von bezahlten und unbezahlten Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern erfolgen. Der Faktor Arbeit müsse entlastet, Vermögen und Kapitaleinkommen müssten endlich zur Finanzierung der sozialen Sicherheit herangezogen werden, wodurch personalintensive Sektoren wie etwa der Pflegebereich entlastet und kapitalintensive wie Versicherungen stärker belastet würden. Weitere Elemente zur Finanzierung sieht sie in einer progressiven Erbschaftssteuer sowie in einer Kapitalertragssteuer. Gewinne sollten generell dort besteuern werden, wo sie anfallen und die Wertschöpfung erwirtschaftet wird. Eine Finanztransaktionssteuer würde zur Eindämmung von Spekulation führen und eine zusätzliche Finanzierungsquelle schaffen. Anstatt, wie angedacht, die KöSt zu senken, brauche es im Gegenteil eine effektive Körperschaftssteuerbelastung für Unternehmen der digitalen Wirtschaft, die mit 9% nur halb so hoch sei wie jene der traditionellen Wirtschaft. „Mit neuen Technologien können wenige Unternehmen große Gewinne machen, während die Löhne nach wie vor gedrückt werden. Zudem zahlen diese Unternehmen nicht alle die angemessenen Steuern, was das Gemeinwesen weiterhin unterminiert“, so Mairhuber. Als zusätzlichen, innovativen Ansatz schlägt sie vor, Ideen und Konzepte aufzugreifen, die unsere personenbezogenen Daten als neues Produktionskapital in die Abgabenpflicht integrieren. Zuguterletzt plädiert sie für eine Arbeitszeitreduktion auf maximal 30 Stunden.

Was tun?

Foto: Petra Moser CC BY 4.0

Die abschließende Podiumsdiskussion kam zurück auf die ausgehende Frage „Was tun?“: Ein erster Schritt wäre für Füllsack den Druck aus der beruflichen Orientierung herauszunehmen und Jugendliche nicht so früh zu einer beruflichen Karriere zu drängen. Die Frage „Was ist für mein Leben interessant?“ gehöre stärker in den Vordergrund gerückt. Utopische Konzepte seien wichtig, jedoch müsse immer an die sozial- und arbeitsrechtliche Realisierbarkeit gedacht werden.

Feuchtl wünscht sich ebenfalls, dass in der weiteren Debatte die Frage „Was ist ein gutes Leben?“ zur Leitfrage erhoben wird. Das Bewusstsein darüber, wie Technik eingesetzt wird und welche Folgen damit verbunden sind, gehöre gefördert. Dazu schlägt sie die Erarbeitung von Ethikrichtlinien vor.

Für Mairhuber müsse der technologische Fortschritt dazu genutzt werden, um gefährliche und anstrengende körperliche Arbeit durch Maschinen verrichten zu lassen. Die menschliche Arbeit müsse weniger und besser verteilt und die freie Zeit für die Aufwertung von Arbeit II genutzt werden.

Feyerl plädiert dafür, Fragen des sozialen Zusammenlebens und der gemeinsamen Problemlösung stärker im Unterricht zu vermitteln, um solidarisches Denken und Handeln zu fördern. Daneben tritt er für eine internationale Wertschöpfungsabgabe sowie für eine Globalisierung der Sozialsysteme ein.

Hirsch möchte die fortschreitenden technischen Möglichkeiten nutzen, um den alten Traum der Befreiung von überflüssiger Arbeit Wirklichkeit werden zu lassen. Bisherige Innovationen hätten lediglich zu einer Verlagerung der Arbeit in andere Bereiche geführt. Er fordert eine schrittweise Arbeitszeitsreduktion auf ca. 20 Stunden. Dies sei nur möglich, wenn Arbeiter-, Frauen- und Umweltbewegung an einem Strang ziehen und die Forderungen nach ökologischer Nachhaltigkeit, Geschlechtergerechtigkeit und sozialen Ausgleich als Gesamtpaket formulieren.

Ingo Leindecker / Open Commons Linz